"Mit der Flaschenpost
gegen einen Ozean. Briefe aus dem Knast"
Textauszüge aus dem Buch
Wider den Zeitgeist. Einleitende
Bemerkungen
von Helmut H. Koch
[...] Daß das Resozialisierungsgebot des 1977
in Kraft getretenen Strafvollzugsgesetzes in der Regel
nicht erfüllt wird, ist ernsthaft nicht zu bestreiten.
Die Art und Weise der öffentlichen Diskussion
über diesen Tatbestand gibt allerdings zu denken.
Die Rede ist nicht mehr davon, wie dieses Gebot zu
realisieren sei und Täter befähigt werden
könnten, ein Leben in sozialer Verantwortung
zu führen, sondern davon, daß es illusorisch
sei, noch daran zu glauben. In Zeiten sozialer Kälte
sollen die, die am Rande stehen, immer noch mehr ins
Abseits geschoben werden.
Wir halten eine solche Entwicklung unter dem Aspekt
des Rechts und der Menschenwürde für bedenklich.
Daher geben wir, um den vielerlei Vorurteilen über
die Situation der Gefangenen zu begegnen, denen eine
Stimme, die am besten wissen, was im Gefängnis
geschieht und welchen Sinn für sie der Strafvollzug
hat: den Gefangenen, die hinter den hohen Mauern des
Knasts weitgehend zum Schweigen verurteilt sind. ...
Auszug aus dem Vorwort des Buches "Mit der Flaschenpost
gegen einen Ozean", hg. Helmut H. Koch (Münster:
Edition amRand 1998)
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Menschen
im Schließfach
Heinz-Günter Funk
JVA Bielefeld-Brackwede Bielefeld, den 10.01.90
Liebe Franziska,
vielen Dank erst einmal für deine schöne
Zeichnung. Deine Frage, wie es eigentlich im Gefängnis
aussieht, ist ganz schön kompliziert und mit
zwei Sätzen nicht zu beant-worten. Deine Mama
und dein Papa besuchen mich ja hier, und sie können
dir sicher erzählen, wie es allgemein hier aussieht.
Dein Papa hat ja auch ein gutes Bild gezeichnet, wie
dieses Gefängnis etwa von außen aussieht.
Da sind Wachtürme auf der hohen Mauer, wo Menschen
drinsitzen mit Maschinengewehren. Wenn jemand über
die Mauern klettern wollte, der hier einge-sperrt
ist, würden diese Menschen ihn erschießen.
Hast du am Bahnhof die Schließfächer gesehen,
wo Koffer aufbewahrt werden? So sieht es hier aus;
ein Schließfach neben dem anderen und auch übereinander
gebaut und in jedem Fach ist ein Mensch ganz allein.
Die Fenster haben dicke Gitter aus Stahl und Beton,
und manchmal ist zusätzlich noch ein Fliegengitter
davor, ein einmaschiges Geflecht aus Stahldraht, damit
von dem Fenster nichts von innen nach außen
oder von außen nach innen gereicht werden kann.
In jedem Schließfach ist eine Toilette, ein
Waschbecken, Spiegel, Bett, Tisch, Stuhl, Schrank.
An der Wand eine Heizung und eine Lampe. Ein Radiolautsprecher
ist in der Wand, aus dem Musik zu hören ist,
aber auch Durchsagen von den Wärtern. Beim Essen
ist es so, als ob du zu Hause auf der Toilette essen
müßtest, weil alles dicht nebeneinander
ist auf engstem Raum. Kannst du dir das vorstellen?
...
Auszug aus einem Brief, den Heinz-Günter Funk
an die 10jährige Tochter seines Betreuers geschrieben
hat
Quelle: "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean",
hg. Helmut H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)
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Gesundheitsschädlich
Detlef Schöne
JVA Lübeck 11.10.1997
[...] Bis vor kurzem konnte auch ich ö wie alle
Bürger dieses Landes - beinahe täglich in
den Medien hören, sehen oder lesen, welch paradiesische
Zustände doch in Deutschlands ³Hotelknästen"
anzutreffen seien. Während der letzten Monate
bin ich selbst in den ³Genuß" dieser
³Service-Einrichtungen" gekommen. Mit kurzen
oder längeren Zwischenstationen bin ich über
die JVAen Stade, Lingen, Flensburg, Neumünster
nun in meiner wohl letzten Station der JVA Lübeck
gelandet.
Diese dürfte auch für Schleswig-Holstein
einen beson-deren Extremfall darstellen. Auch unter
Berück-sichtigung der Tatsache, daß Strafe
auch Strafe sein soll, findet hier etwas statt, das
mit den Regeln des Strafvollzuges nicht zu vereinen
ist. Die Unterbringung, das ³Hotelzimmer":
Eine Minizelle mit der Bodenfläche von 7m2 :2,12m
x 3,43 m! Selbstverständlich von zwei Personen
genutzt! Das WC, eine unhygienische klebrige, von
Kalkablagerungen strotzende, widerwärtige Installation.
Das Waschbecken, das ö wie sollte es anders sein
- über einen ständig tropfenden Wasserhahn
verfügt, ist für hiesige Verhält-nisse
als fast ordentlich zu bezeichnen. Vom Kloakenduft,
der auch hier aus sämtlichen Öffnungen strömt,
mal abgesehen. Die Beleuchtung, wider Erwarten vorhanden,
besteht aus einer nackten Leuchtstoffröhre, größtenteils
mit einer undefinierbaren Farbe angeschmiert, und
jeder Menge nackter, lebensgefährlicher Drähte.
Um es kurz zu machen: Etagenbett, Schaumstoffmatratze
ohne Bezug, zerfressen und verdreckt, ein Schrank,
ein Wandregal, ein sperrmüllreifer Tisch, ein
splitternder Stuhl. Die gesamte Einrichtung dieses
"Lochs" befindet sich in einem hoffnungslos
verwahrlostem Zustand, ist schlicht unbewohnbar! [...]
Auszug aus einem Brief an den AkS. Quelle: "Mit
der Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut
H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)
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Anhang
[...]
Ingeborg-Drewitz-Preis: Dieser Preis ist eine Aus-zeichnung
für eindrucksvolle authentische Texte von Gefangenen.
Er wird von der Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur
der Universität Münster in Kooperation mit
der Gefangeneninitiative Dortmund sowie dem Padligur-Verlag
und dem Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen
im Abstand von drei Jahren ausgeschrieben. Die prämierten
Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht.
[...]
Lebenslänglich: (siehe auch: "Schwere der
Schuld") Diese Strafe ist - entgegen der vorherrschenden
Meinung - grundsätzlich auf unbestimmte Dauer
angelegt. Nach 15 Jahren kann der/die Gefangene zum
erstenmal überprüfen lassen, ob die Schwere
der Schuld und seine/ihre Entwicklung im Strafvollzug
dem Gericht die Möglichkeit geben, die vorzeitige
Entlassung zu beschließen ...
Auszüge aus dem Anhang zum Buch "Mit der
Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut H.
Koch (Münster: Edition amRand 1998)
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