38 Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie

Rechtsanwalt Peter Steenpaß, Gründungsmitglied des AkS, arbeitet einen rechtlichen und medizinischen Skandal auf.

Reportage aus Focus Magazin 42/2013 von Markus Kriescher.
Auf Grund einer Fehldiagnose wurde ein 18-Jähriger in einer Nervenklinik untergebracht und so lange falsch behandelt, dass ein Leben in Freiheit nicht mehr möglich ist. FOCUS deckt den beispiellosen Medizin-Skandal auf.

"Manfred, warst du mal wieder draußen?" Der angesprochene Patient überlegt und spricht die Frage seines Anwalts Peter Steenpaß nach. "Manfred, warst du mal wieder draußen?" Dreimal echot Manfred Müschenborn diese Worte. Laut, so als wolle er sich die Antwort herbeirufen. Dann sagt der kräftige Mann mit dem Vollbart, der bis auf die Brust reicht: "Nein, ich komme doch nicht raus." Der 56-Jährige lebt in einer Akut-Abteilung des psychiatrischen Landeskrankenhauses in Warstein. Buchstäblich. Das Klinikum ist sein Leben - und hier wurde über sein Leben entschieden. Müschenborn ist dort seit beinahe 40 Jahren untergebracht. Zu Unrecht.

Der bundesweit bekannte Fall des in Bayern sieben Jahre eingesperrten Gustl Mollath ist vielleicht ein Justizskandal - der vollkommen vergessene Fall des Manfred Müschenborn ist ganz sicher eine Schande, eine medizinische Katastrophe und eine menschliche Tragödie. In Deutschland, so glaubt Ewald Rahn, der für Müschenborn zuständige Mediziner in Warstein, gibt es wohl keine vergleichbare Patientengeschichte. Rahn: "Der Fall Müschenborn ist einmalig." Mehr als 20 Jahre hielten Ärzte, Pfleger und Juristen den Patienten Müschenborn für extrem aggressiv und gemeingefährlich. Er galt als das "Monster von Warstein". Damals, berichtet der Mediziner Rahn, sei es vorgekommen, dass Müschenborn einfach in eine Zelle gesperrt worden sei, in der lediglich eine Matratze gelegen habe. "Man sperrte ab, und niemand traute sich mehr, den Raum zu öffnen." Den angeblich debilen Gewalttäter, der Frauen in Brüste kniff und Männer zwischen die Beine schlug, stellte man mit Psychopharmaka ruhig, fesselte ihn über Monate ans Bett. Eine Richterin veranlasste Hilfe für den Patienten.

Schließlich, Mitte der 90er- Jahre, wollten die verantwortlichen Mediziner in Warstein ihren "schwierigsten Patienten" als potenziellen Schwerverbrecher in die forensische Psychiatrie nach Eickelborn abschieben. Damals bat eine Warsteiner Richterin den ihr vertrauten Anwalt Peter Steenpaß, er möge sich doch für diesen angeblich hoffnungslosen Patienten einsetzen.

Tatsächlich erstritt der Anwalt 1998 für Müschenborn beim Bundesgerichtshof (BGH) einen rettenden Entscheid. Die höchsten Richter lehnten den Umzug nach Eickelborn ab - und mahnten das medizinische Personal in Warstein, sich endlich richtig um ihren Patienten zu kümmern. Es sei nicht "Sinn und Zweck" des Strafrechts, so formulierten die BGH-Richter scharf, "allgemeine psychiatrische Krankenhäuser von besonders schwierigen Patienten zu entlasten".

Dass Warstein für die verfahrene Situation selbst verantwortlich war und die dortigen Ärzte sich "ihr Monstrum selbst geschaffen hatten", lernte Steenpaß, als er damals von einem Gutachten der Medizinischen Hochschule Hannover erfuhr. Die dortigen Neurologen hatten 1997 bei Müschenborn "zweifelsfrei" einen organischen Defekt des Nervensystems erkannt. Demnach war Müschenborns Krankheit über Jahrzehnte falsch eingeschätzt worden.

Der Mann war kein notorischer Gewalttäter. Er litt lediglich an einem seltenen, aber relativ harmlosen Tic, dem Tourette-Syndrom. Der seelische Defekt zwang ihn zu aggressiven Gebärden und verbalen Attacken.
Das war alles. Mit den richtigen Medikamenten und einer von Anfang an entsprechenden Therapie hätte Müschenborn ohne Weiteres ein Leben in Freiheit führen können, so wie Zehntausende anderer Tourette-Patienten in Deutschland. Auch bei dem Kranken von Warstein, so prognostizierten die Gutachter noch vor 16 Jahren, sei bei richtiger Therapie mit "deutlichen Fortschritten" zu rechnen. Allerdings wiesen die Neurologen auch auf "schwere sekundäre Schäden" hin, die Müschenborn durch die jahrelange falsche Behandlung in der Psychiatrie erlitten habe.

Die Welt war für ihn nicht mehr erreichbar.
Vor 15 Jahren machte FOCUS den Psychiatrie-Skandal von Warstein öffentlich. Damals schien ein "gutes" Ende für den verkannten Patienten noch möglich. Die Klinikleitung sah ihre Fehler ein, stellte die Therapie um, verlegte Müschenborn in eine andere Abteilung und bereitete ihn auf ein Leben in zumindest kontrollierter Freiheit vor. Doch die Welt jenseits der Klinikmauern, so stellte sich bald heraus, war für Müschenborn nicht mehr erreichbar. Die Ausgänge, erinnert sich Rahn, überforderten den offenbar schon zu stark hospitalisierten Patienten. Immer seltener wollte Müschenborn nach draußen, schließlich gar nicht mehr. Rahn: "Es ist tragisch. Er dürfte hinaus, aber er kann nicht mehr." Das Dasein des Patienten spiele sich ausschließlich auf der Station ab. Hier habe er seine Bezugspersonen und die wenigen Menschen, denen er wirklich vertraut.

Als FOCUS den Fall aufdeckte, bekannte ein Arzt, der Müschenborn lange Zeit falsch behandelt hatte, dem Patienten sei "viel Unrecht angetan" worden.Wie viel Unrecht, ist bis heute nicht klar. Nur die Krankenakte könnte zeigen, welche Medikamente ihm über Jahre verabreicht wurden, welche Zwangsmittel die Klinik tatsächlich einsetzte. Die Akte jedoch hält die Klinikleitung unter Verschluss. Anwalt Steenpaß, obwohl von Müschenborn mandatiert, darf die Dokumente, die das wahre Ausmaß der falschen Behandlung offenlegen würden, bis heute nicht lesen. In einem Brief beschied der Klinikdirektor den Juristen, Müschenborns Interessen würden ja von einem amtlich bestellten Betreuer wahrgenommen. Für eine Einsichtnahme in die Akten gebe es keinen Grund. Gegenüber FOCUS möchte sich Müschenborns Betreuer, Roland Bäppler, zur Frage der Krankenakte "nicht äußern". Er verweist auf die Zuständigkeit der Ärzte - und diese wiederum verweisen auf ihn.

Immerhin gibt Mediziner Rahn zu, dass der Betreuer im Leben Müschenborns "keine Rolle" spiele. Bäppler selbst sagt, er besuche den Patienten einmal in zwei Monaten. Das genüge, um sich ein Bild vom Zustand Müschenborns zu verschaffen. Dem gehe es, so Bäppler, zwar gesundheitlich "nicht gut", man kümmere sich aber ausreichend um ihn.

Anwalt Steenpaß und seine Kollegin Wiltrud von Glahn sehen das anders. Die beiden Juristen hatten den Patienten vor etwa zehn Monaten nach vorheriger Anmeldung besucht.

"Ich bin nicht zu erziehen", stand auf dem T-Shirt.

Der verwahrloste Zustand des Patienten empörte die Anwälte: Müschenborn war offenbar längere Zeit nicht gewaschen worden, seine Kleidung stank nach Urin und Stuhl. "Er war extrem verdreckt", erinnert sich Anwältin von Glahn. Kein Häftling in einem deutschen Gefängnis werde derart vernachlässigt.
Worüber die Besucher bei einem Folgebesuch im April besonders erschraken: Müschenborn trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich bin nicht zu erziehen". Da der Patient sich selbst keine Kleidung kaufen könne, sei davon auszugehen, dass Pfleger dieses T-Shirt ausgewählt hätten - und sich so über ihren Patienten lustig machten. Als die beiden Anwälte in der vergangenen Woche wieder in die Warsteiner Klinik kamen, um Müschenborn zu besuchen, präsentierte sich der Patient deutlich gepflegter. Aber: Auch diesmal trug er ein ungewöhnliches T-Shirt.
Die Aufschrift "Prinz Porno" spielt wohl auf die heftigen verbalen Ausfälle des Tourette- Patienten an, der zwanghaft Schimpfattacken mit sexuellem Bezug startet. So unterbricht er normale Gespräche schon mal mit der Drohung: "Ich geh dir an die Eier!"
Die beiden Juristen wollen nun die Ablösung des bisherigen Betreuers von Müschenborn erreichen. Dieser kümmere sich offenbar zu wenig um seinen Schützling und sei eher daran interessiert, der Klinikleitung keine Schwierigkeiten zu machen.
Tatsächlich ist Müschenborns Betreuer für etliche Psychiatriepatienten in Warstein verantwortlich. Der Mann, so Steenpaß, gehöre zu einem stabilen Netzwerk. Man tue sich gegenseitig nicht weh und stelle keine unangenehmen Fragen.
Ob der Patient Müschenborn mit den bedruckten T-Shirts vom Pflegepersonal verhöhnt werde, darauf konnte auch der verantwortliche Arzt Rahn keine Antwort geben. Aber, ja, es seien die Pfleger, die für Müschenborns Kleidung zuständig seien.

Kein Schmerzensgeld für die geraubte Freiheit

Müschenborn, so sein Arzt, sei längst nicht mehr gewalttätig. Er werde auch nicht mehr fixiert - also gefesselt. Medizinisch habe sich die Situation deutlich entspannt. "Aber es ist natürlich ein trauriges Schicksal."
Traurig ist auch, dass Müschenborn bis heute für die jahrzehntelange falsche Behandlung und die geraubte Freiheit kein Schadensersatz und kein Schmerzensgeld zugesprochen wurde.

Müschenborn selbst wird wohl kein selbstständiges Leben mehr führen können. Zwar wirkt er in Gesprächen mit seinen Anwälten "durchaus orientiert", wie Frau von Glahn berichtet. Er könne sich aber nicht länger als 20 Minuten konzentrieren. Dann verliert er den Blickkontakt und sieht nicht mehr sein Gegenüber an, sondern nur noch das Geschenk der Besucher, eine große Tafel Ritter Sport Nougat. Fragen hört er nicht mehr - und er zieht sich ins Schweigen zurück.

Siehe auch hier

und hier ...