Hochexplosive Situation in NRW-Haftanstalten

"Die Lage in NRW-Haftanstalten zum Teil hochexplosiv"  (WAZ-Artikel 3.3.2012  von Winfried Goebels)

Ein Kommentar von Peter Nyman (AkS)
...es gärt bundesweit, nicht nur im NRW-Strafvollzug, doch wieder einmal wird nur die medienwirksame "Spitze des Eisbergs" genannt: Ausbruch, Gewalt, Selbstmord, Meuterei. Die darunter liegende unsichtbare Masse eines insgesamt maroden bis malignen Strafvollzugs, der diese Extreme erst hochtreibt erscheint weniger interessant. Sie lässt sich zwar verkürzt als "Missstand" bezeichnen, dieser Begriff verschleiert aber nur ein von Grund auf übles und reparaturbedürftiges System. Die alltäglichen Drangsalierungen, Repressalien und erniedrigenden Vorfälle sind hinlänglich bekannt und dokumentiert, sie haben einen Namen und sind immer noch nicht im Vollzugsalltag abgestellt.

Hier ist eine erschreckend lange "Mängelliste" systematisch abzuarbeiten, sie reicht von faden Essensportionen bis zu schlechter medizinischer Versorgung und Hygiene und muss auch "Kleinigkeiten" beinhalten, über die sich jedermann außerhalb der Mauern zu Recht empören würde, wie völlig überzogene Einkaufspreise in Gefängnisshops oder "verlorengegangene" und als "missliebig" aussortierte Briefe von Insassen oder Freunden und Angehörigen. Aus den Tiefen der Gefängnisse schwappen jedoch immer wieder schlagzeilenkräftig und wellenartig die A uswüchse des Strafvollzugs in die Öffentlichkeit und bereiten so den Boden für nicht enden wollende Forderungen nach noch mehr Härte und höchstmögliche Sicherheit im Vollzug.

Die latent vorhandene Angst der Bürger vor entwichenen Gewalttätern oder gar Gruppen marodierender Ausbrecher wird ausführlich in fettgedruckten Schlagzeilen immer wieder geschürt, als wären sie die Regel und nicht die Ausnahme! Ist das so konstruierte, hochexplosive menschliche Gewaltgemisch hinter Gefängnismauern erst einmal in den ängstlichen Köpfen angekommen, dann ist dem tatsächlich nur noch mit Unmengen von Überwachungskameras, Kontrollschleusen, Lichtschranken und anderen technisch machbaren Finessen, Sperren und Sicherungen (warum nicht auch Stromschlägen?) zu bekommen.

Der 100%ig sichere Gefängnisbau von morgen sähe demnach so aus: Außen unauffällig schlicht, Innen praktisch und funktional. Kostengünstig sichere Verwahrung für Straftäter mit freundlichen Empfangs- und Besuchsräumen. Weiter hinein, in die hochgesicherten und verdrahten Zellen und Stationen und in die psychische Verfassung der Insassen gelangt man ohnehin nicht. Hier ist der Grenzbereich, wo "Gefangen-Sein" beginnt und oft als Suizid endet.

Das beliebte aber falsche Bild von unverbesserlichen Straftätern, die bequem ausgestattet ihre Gefängniszeit aussitzen, könnte allerdings dazu führen, dass die Knäste der Zukunft tatsächlich sterilen Aufbewahrungsanstalten gleichen, aus denen nur totale Anpassung an die Haftbedingungen und eine bombensichere Sozial- und Kriminalprognose heraushelfen. Das mag die fiktive Horrorvision einer zukünftigen Haftanstalt mit ausgeklügelter Hochsicherheitstechnik sein, die ständige Mär von renitenten und gewaltbereiten Häftlingen, Revolten und Ausbrüchen ist eine viel schlimmere. Solange diese Ängste von der Unbeherrschbarkeit und Unberechenbarkeit der Gefängnisinsassen geschürt werden, ohne die Mehrzahl einsichtiger und veränderungsbereiter Häftlinge zu erwähnen, befinden wir uns bei Irreführungen und sogleich bei Fehlinvestitionen. Neben der Sicherheit der Strafanstalten ist doch rechtlich immer noch ausdrücklich die Vorbereitung von Strafgefangenen auf ein zukünftig straffreies Leben in Freiheit festgeschrieben. Tendenziell erfährt allerdings die Sicherheit zur Zeit eine höhere Bewertung, was dazu führt, die (Re)Sozialisierung als zweitrangig zu betrachten. Das ist der wahre Grund für die hochexplosiven Stimmungen in den Haftanstalten!

Die konkreten Gründe der Frustration und Aggression in den Gefängnissen sind doch längst aufgedeckt und manifestiert. Das durchgängig praktizierte Eingesperrt-Sein in Zellen und Fluren oder Abteilungen, nur unterbrochen durch völlig unterbezahlte Arbeit, Kreuzworträtsel und Fernsehprogramme, Hofgang und Duschen, Fußballspielen, also reiner Verwahrvollzug, wirkt sich höchst negativ auf die Stimmung, die Motivation und die gesundheitliche Verfassung von Gefangenen und anderen Insassen aus.  Hier kippen Stimmungen um, hier entstehen Rückzug, Resignation und Wut. Was täte uns jetzt gut, aus einem Baumstamm ein Boot, aus einem Stein eine Figur herausmeißeln zu können!  Das klingt absurd, doch hier ist es wirklich Zeit, attraktive Angebote ohne Animationsgebaren vorzustellen und Teilnahme einzufordern. Selbst langfristig verpflichtende Veranstaltungen werden dann wahrgenommen, wenn sie sinn-und reizvoll erscheinen und den Teilnehmern zusätzlich Belohnungen oder Vergünstigungen winken (z.B. Einkausgutscheine, Haftverkürzungen) und sie diese tatsächlich auch erhalten.

Gegen hochexplosive Stimmungen in Gefängnissen und anderen Einrichtungen helfen nachweislich besonders kreativ/künstlerische, körperlich/sportliche und manuell/handwerkliche Tätigkeiten, die ohnehin teilweise brachliegen und durch längere Gefängnisaufenthalte zusätzlich noch mehr verschüttet werden. Projekte dieser Art gibt es bereits, leider führen sie ein Schattendasein, völlig zu Unrecht. Räumlich, zeitlich und finanziell begrenzt, tauchen sie hin und wieder in der Gefängnislandschaft auf und verschwinden dann ersatzlos und unbemerkt. Wo Gesteinsbrocken mit Mühe, Schweiß und Ausdauer handwerklich und künstlerisch bearbeitet werden, wo Theater gespielt wird, wo geschrieben und Sprache wiedererlangt wird oder gematscht und gemalt werden darf, nimmt erstens die Lethargie und zweitens die Aggressivität ab. Das Argument, Gefangene wollen das nicht, die sind nicht motivierbar und sähen lieber fern, ist schon oft in solchen Projekten widerlegt worden, ebenso die Verletzungsrisiken beim Umgang mit scharfem Handwerkszeug. Das Einüben kreativer Fähigkeiten könnte sich nicht nur für die spätere Freiheit als überlebenswichtig und hilfreich erweisen. Es ist nicht der Anspruch gemeint, Künstler auszubilden oder glückliche Gefangene zu produzieren, aber es ist gemeint, das Leben von Häftlingen anzuschieben und zu bereichern; sie  animieren Veränderungen auszuprobieren und so das Selbstvertrauen und die eigenen Fähigkeiten zu stärken.

Eine gute berufliche Ausbildung gehört genauso dazu wie eine sinnvolle und angemessen bezahlte Arbeit. Vorbeugend ist dies der bessere Ansatz gegen Langeweile, Aggressivität und Gewalt im Knast, nicht die unermüdlich propagierte Forderung nach technischen und baulichen Sicherungsmaßnahmen. Dieses entpuppt sich nun bereits seit Jahren als erfolgloses Rezept und alter Hut, denn spätestens nach der Haftentlassung werden die gravierenden Versäumnisse innerhalb der Haftanstalten zur Lebensvorbereitung wieder deutlich, nämlich durch hohe Rückfallzahlen und aussichtslose Perspektiven. Draußen in einer zumeist abweisenden Gesellschaft zurechtzukommen, erfordert ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Kreativität. Wer das im Knast nicht gelernt hat, für den sieht die Zukunft finster aus.

Was hat das eigentlich auf sich mit den fehlenden Therapiemöglichkeiten und rückläufigen Entlassungsvorbereitungen einerseits und der baulichen und technisch aufwendig teuren Sicherheitshysterie andererseits? Wenn Letzteres zu Lasten des Ersteren geht, ist offensichtlich das rechte Maß verloren, die Verhältnisse zueinander stimmen nicht mehr. Wer geläuterte und auf das Leben vorbereitete Häftlinge will, kann nicht ständig unmäßig in die Sicherheit investieren und die Vorbereitungen für draußen (das Überlebenstraining) vernachlässigen, es sei denn, man setzt stillschweigend voraus, das Haftentlassung direkt und automatisch in die Sozialeinrichtungen mündet. Solche Zustände und Aussichten lassen dann Gefängnisse als Orte ummauerter Ödnis und Chancenlosigkeit erfahren, als existenzielle Bedrohung. Die nachträglichen Verwunderungen über Gewalt und explosive Zustände kaschieren dann lediglich nur unser stilles Einverständnis mit dem System Knast. Wer hier Änderung will, kommt nicht um die Tatsache herum, dass es um unser Gefängniswesen äußerst schlecht bestellt ist und es auch gleichzeitig eine Verrohung der Gesellschaft insgesamt widerspiegelt. Gefängnisse sind Monumente der Abschreckung, weniger der Besserung; wer jedoch letzteres will, muss sich darauf einlassen, das Gefängnisinnere radikal umzugestalten. Zwischen der Innenwelt der Knäste und der Außenwelt darf es nicht so himmelweite Unterschiede geben, dass sich Haftentlassene darin nicht mehr zurechtfinden.

Ist es so utopisch, Bäume und Grünanlagen zu platzieren und Wildwuchs und Wucher dabei in Grenzen zu halten? Oder Pavillons für Therapiezwecke zu installieren, ohne gleich an zugeschmierte Außenwände zu denken? Es wird hier nicht von einer Freizeitanlage die Rede sein, schließlich existieren noch die Außenmauern, sondern an die Minimalerfüllung sozialer und menschlicher Bedürfnisse erinnert. Qualifizierte Mitarbeiter einzustellen und zu bezahlen ist vermutlich langfristig eine bessere Kapitalanlage als die neuesten Sicherheits- und Überwachungssysteme zu installieren und zu verfeinern, allemal kostengünstiger als die nach der Haftentlassung regelmäßig nötige Sozialversorgung.