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"Knast" von Gefängnisarzt Joe Bausch

Buchtipp von Till Briegleb aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 13.03.2012

Mehr als fünfzig Suizide, Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung: Der Gefängnisarzt und "Tatort"-Pathologe Joe Bausch blickt kritisch zurück auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern. Und beschreibt, wie die RAF das Dogma "Bete und büße" verändert hat.

Es ist noch nicht so lange her, da galt seriöse medizinische Versorgung für Schwerverbrecher im Strafvollzug als Hohn. Warum soll man denn Kindermördern, Vergewaltigern, Totschlägern und besonders Lebenslänglichen ihre Strafe noch durch Schmerzfreiheit und teure Medikamente versüßen?

Das war die weit verbreitete Haltung zumindest bis in die achtziger Jahre. Als Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff im Jahr 1987 in der Justizvollzugsanstalt Werl als Gefängnisarzt begann, da bewiesen die absolut mangelhafte Ausstattung seiner Anstaltspraxis sowie die fehlenden Therapieangebote für seine Patienten klar, dass der staatlichen Fürsorge immer noch ein antiquiertes Schuldverständnis aus der Zeit der Zuchthäuser zugrunde lag. "Bete und büße", der Spruch, der über der Gefängniskirche der 1906 erbauten Anstalt in Westfalen prangen könnte, prägte auch im demokratischen Staat noch jahrzehntelang die Haltung der Gesellschaft zu ihren Straftätern.

Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff - durch seine Nebentätigkeit als Pathologe Dr. Joseph Roth im Kölner "Tatort" und als regelmäßiger Talkshowexperte besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joe Bausch - hat in seinem Hauptberuf eine wesentliche Verbesserung der medizinischen wie der allgemeinen Haftbedingungen erlebt. Verantwortlich für den Wandel waren laut Joe Bausch vor allem zwei Gruppen: seine Generation der Gefängnisärzte und die RAF.
Abschaffung von Gemeinschaftszellen, breites Therapieangebot

Jüngere Mediziner - so Bausch in seinem jetzt erscheinenden Buch, einem detaillierten Rückblick auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern mit dem Titel "Knast" - hätten die autoritäre Disziplinareinstellung der Nachkriegsärzte völlig neu justiert. Und die Mitglieder der Roten Armee Fraktion mit ihren Hungerstreiks für bessere Haftbedingungen stießen eine überfällige Diskussion an, die im Resultat allen Gefängnisinsassen zugutegekommen sei. Doch das, so Bausch in seinem kritischen Resümee zu den Bemühungen um einen modernen Vollzug, sei noch lange nicht genug.

Denn die Anamnese, die Bausch aus seiner intimen Kenntnis des Knast-Alltags gewinnt, ergibt doch mehr eine Leidensgeschichte als eine erfreuliche Diagnose. Über fünfzig Selbstmorde während seiner Amtszeit stehen ebenso auf dem Krankenblatt des Strafvollzugs wie Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung, sowie ein überproportional hoher Anteil an schweren psychischen Leiden, die nicht adäquat behandelt werden.

Als Arzt mit Schweigepflicht kann Bausch natürlich in die Chemie der Gefangenenseele mehr Einblicke gewinnen, als es einem normalen Schließer möglich ist, dem sich kein Gefangener anvertraut. Dadurch sind seine Beschreibungen des weggeschlossenen Lebens von einer besonderen Empathie geleitet, und seine kritischen Anmerkungen bekommen ein besonderes Gewicht.

Die Liste der praktischen Forderungen, die Joe Bausch aus seinen Erfahrungen ableitet, ist dann auch entsprechend fundiert und lang. Mehr und besser bezahltes Personal, darunter verstärkt Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen in den gängigsten Knastsprachen, seien ebenso dringend geboten wie die Abschaffung von Gemeinschaftszellen und ein breites Angebot an gezielten Therapieangeboten. Schließlich litten mehr als fünfzig Prozent der Schwerverbrecher an massiven Persönlichkeitsstörungen (im Verhältnis zu fünf Prozent in der Gesamtbevölkerung), und eine mögliche Rückkehr in die Gesellschaft sei ohne psychologische Kur kaum gefahrlos möglich. Aber auch die fehlenden Supervisionen für das Vollzugspersonal oder eine unangemessene Sterbebegleitung für Lebenslängliche und Sicherheitsverwahrte konstatiert Bausch in seinem Buch als einen schweren Mangel des deutschen Knastwesens.

Würde sich Bauschs Gefängnisanalyse auf dieses politische Vernunftprogramm beschränken, könnte das Buch kurz sein. Aber sein Anspruch ist es, diese maligne Gesellschaftszelle möglichst vollkommen transparent zu machen. Ohne seine Patienten namentlich zu nennen, erzählt Bausch in Fakten und Anekdoten vom typischen Knastgeruch wie vom Phänomen "knastschwul".
Nüchterne und würdige Betrachtung von Kriminalität

Er erklärt, warum Manager und Junkies sich in Untersuchungshaft ähnlich verhalten. Er beschreibt exemplarisch erschütternde Fälle wie die Geschichte eines ehemaligen Kindersoldaten oder einer Kindsmörderin, die von der Schwangerschaft überfordert so viel fraß, dass niemand Verdacht schöpfen konnte, und das Neugeborene dann sterben ließ. Er entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Hirnveränderungen und Kriminalität, Fragen nach dem Wesen des Bösen und dem extremen Unverhältnis von Männern zu Frauen bei den verurteilten Tätern (70.000 zu 5000) widmet Bausch ebenso Kapitel wie schnurrigen Porträts von Ausbrecherkönigen.

Dass "Knast" stellenweise ein wenig eitel gerät, wenn Joe Bausch über sich selbst als Arzt und Künstler spricht, kratzt nur unwesentlich am Verdienst dieses Buches. Als Mediziner in einem Gefängnis, das vorwiegend Langzeitinsassen und Sicherheitsverwahrte beherbergt, gelingt dem Autor eine im Kern nüchterne und würdige Betrachtung von Kriminalität, die der alten Haltung von Rache und Sühne eine komplexere Sicht entgegensetzt.

Verständnis für die komplizierte Ursachenlage von Gewaltverbrechen und ein klares Bekenntnis zur Würde des Menschen erklärt Bausch zu den fundamentalen Voraussetzung, um brauchbare Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was diesen Teil der Gesellschaft dazu bewegt, böse, grausam oder ungerecht zu handeln. Und mit dieser Perspektive ist "Knast" dann doch vor allem ein Buch über die Fehler jener, die nicht drinnen sitzen. Denn interessanter als ein Verbrechen ist letztlich die Frage, warum man es nicht verhindern konnte.

 


Neuerscheinung

Wir weisen hin auf unerhörte Geschichten aus dem Frauenknast. Titel: Ich muss zurück ins Rattenloch

Reimund Neufeld & Prof. Dr. Helmut Koch, erschienen im Assoverlag

34 Frauen aus deutschen Gefängnissen schreiben in diesem Buch über ihr Leben, ihre oft brutale Kindheit, ihr Abgleiten in die Sucht und Kriminalität. Aber auch davon, wie sie kämpfen, um einen neuen Anfang zu machen. Und davon, was sie im Gefängnis erleben - wenig Hilfe und eine alltägliche Verletzung der Menschenwürde.

Wer wissen will, was im deutschen Frauenknast wirklich geschieht, für den sind die authentischen Beschreibungen in dieser einzigartigen Anthologie Pflichtlektüre.

www.unerhoerte-geschichten.de

 

Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean. Briefe aus dem Knast

Textauszüge aus dem Buch

Wider den Zeitgeist. Einleitende Bemerkungen
von Helmut H. Koch

[...] Daß das Resozialisierungsgebot des 1977 in Kraft getretenen Strafvollzugsgesetzes in der Regel nicht erfüllt wird, ist ernsthaft nicht zu bestreiten. Die Art und Weise der öffentlichen Diskussion über diesen Tatbestand gibt allerdings zu denken. Die Rede ist nicht mehr davon, wie dieses Gebot zu realisieren sei und Täter befähigt werden könnten, ein Leben in sozialer Verantwortung zu führen, sondern davon, daß es illusorisch sei, noch daran zu glauben. In Zeiten sozialer Kälte sollen die, die am Rande stehen, immer noch mehr ins Abseits geschoben werden.

Wir halten eine solche Entwicklung unter dem Aspekt des Rechts und der Menschenwürde für bedenklich. Daher geben wir, um den vielerlei Vorurteilen über die Situation der Gefangenen zu begegnen, denen eine Stimme, die am besten wissen, was im Gefängnis geschieht und welchen Sinn für sie der Strafvollzug hat: den Gefangenen, die hinter den hohen Mauern des Knasts weitgehend zum Schweigen verurteilt sind. ...
Auszug aus dem Vorwort des Buches "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)

Menschen im Schließfach
Heinz-Günter Funk
JVA Bielefeld-Brackwede Bielefeld, den 10.01.90

Liebe Franziska,

vielen Dank erst einmal für deine schöne Zeichnung. Deine Frage, wie es eigentlich im Gefängnis aussieht, ist ganz schön kompliziert und mit zwei Sätzen nicht zu beant-worten. Deine Mama und dein Papa besuchen mich ja hier, und sie können dir sicher erzählen, wie es allgemein hier aussieht. Dein Papa hat ja auch ein gutes Bild gezeichnet, wie dieses Gefängnis etwa von außen aussieht. Da sind Wachtürme auf der hohen Mauer, wo Menschen drinsitzen mit Maschinengewehren. Wenn jemand über die Mauern klettern wollte, der hier einge-sperrt ist, würden diese Menschen ihn erschießen. Hast du am Bahnhof die Schließfächer gesehen, wo Koffer aufbewahrt werden? So sieht es hier aus; ein Schließfach neben dem anderen und auch übereinander gebaut und in jedem Fach ist ein Mensch ganz allein. Die Fenster haben dicke Gitter aus Stahl und Beton, und manchmal ist zusätzlich noch ein Fliegengitter davor, ein einmaschiges Geflecht aus Stahldraht, damit von dem Fenster nichts von innen nach außen oder von außen nach innen gereicht werden kann. In jedem Schließfach ist eine Toilette, ein Waschbecken, Spiegel, Bett, Tisch, Stuhl, Schrank. An der Wand eine Heizung und eine Lampe. Ein Radiolautsprecher ist in der Wand, aus dem Musik zu hören ist, aber auch Durchsagen von den Wärtern. Beim Essen ist es so, als ob du zu Hause auf der Toilette essen müßtest, weil alles dicht nebeneinander ist auf engstem Raum. Kannst du dir das vorstellen? ...
Auszug aus einem Brief, den Heinz-Günter Funk an die 10jährige Tochter seines Betreuers geschrieben hat
Quelle: "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)

Gesundheitsschädlich
Detlef Schöne
JVA Lübeck 11.10.1997

[...] Bis vor kurzem konnte auch ich ö wie alle Bürger dieses Landes - beinahe täglich in den Medien hören, sehen oder lesen, welch paradiesische Zustände doch in Deutschlands ³Hotelknästen" anzutreffen seien. Während der letzten Monate bin ich selbst in den ³Genuß" dieser ³Service-Einrichtungen" gekommen. Mit kurzen oder längeren Zwischenstationen bin ich über die JVAen Stade, Lingen, Flensburg, Neumünster nun in meiner wohl letzten Station der JVA Lübeck gelandet.

Diese dürfte auch für Schleswig-Holstein einen beson-deren Extremfall darstellen. Auch unter Berück-sichtigung der Tatsache, daß Strafe auch Strafe sein soll, findet hier etwas statt, das mit den Regeln des Strafvollzuges nicht zu vereinen ist. Die Unterbringung, das ³Hotelzimmer": Eine Minizelle mit der Bodenfläche von 7m2 :2,12m x 3,43 m! Selbstverständlich von zwei Personen genutzt! Das WC, eine unhygienische klebrige, von Kalkablagerungen strotzende, widerwärtige Installation. Das Waschbecken, das ö wie sollte es anders sein - über einen ständig tropfenden Wasserhahn verfügt, ist für hiesige Verhält-nisse als fast ordentlich zu bezeichnen. Vom Kloakenduft, der auch hier aus sämtlichen Öffnungen strömt, mal abgesehen. Die Beleuchtung, wider Erwarten vorhanden, besteht aus einer nackten Leuchtstoffröhre, größtenteils mit einer undefinierbaren Farbe angeschmiert, und jeder Menge nackter, lebensgefährlicher Drähte. Um es kurz zu machen: Etagenbett, Schaumstoffmatratze ohne Bezug, zerfressen und verdreckt, ein Schrank, ein Wandregal, ein sperrmüllreifer Tisch, ein splitternder Stuhl. Die gesamte Einrichtung dieses "Lochs" befindet sich in einem hoffnungslos verwahrlostem Zustand, ist schlicht unbewohnbar! [...]
Auszug aus einem Brief an den AkS. Quelle: "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)

Anhang
[...]
Ingeborg-Drewitz-Preis: Dieser Preis ist eine Aus-zeichnung für eindrucksvolle authentische Texte von Gefangenen. Er wird von der Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster in Kooperation mit der Gefangeneninitiative Dortmund sowie dem Padligur-Verlag und dem Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen im Abstand von drei Jahren ausgeschrieben. Die prämierten Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht.
[...]
Lebenslänglich: (siehe auch: "Schwere der Schuld") Diese Strafe ist - entgegen der vorherrschenden Meinung - grundsätzlich auf unbestimmte Dauer angelegt. Nach 15 Jahren kann der/die Gefangene zum erstenmal überprüfen lassen, ob die Schwere der Schuld und seine/ihre Entwicklung im Strafvollzug dem Gericht die Möglichkeit geben, die vorzeitige Entlassung zu beschließen ...
Auszüge aus dem Anhang zum Buch "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean", hg. Helmut H. Koch (Münster: Edition amRand 1998)

Bücher

2005

Festschrift zum 10jährigen Jubiläum des AkS
(Hg. AkS, Münster 2005)

2001

"Rechtsradikalismus im bundesdeutschen Strafvollzug. Ergebnisse einer Umfrage und Dokumentation."
(Hg. AkS, Münster 2001)
Aus dem Inhalt:
Darstellung der Umfrageergebnisse
Dokumentation: Briefe von AnstaltsleiterInnen,
Gefangenenzeitungsredaktionen und Gefangenen,
Zeitungsartikel zum Thema
Leider vergriffen!

1998

"Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean. Briefe aus dem Knast",
(herausgegeben von Helmut H. Koch unter Mitarbeit von Nicola Keßler, Anja Vomberg und Hildegard Wiethüchter , Münster: Edition amRand 1998)
Das Buch enthält eine Auswahl eindrucksvoller Briefe, die den Knast aus der Sicht von Gefangenen schildern. Die Briefe drehen sich um die Themen-kreise Haftalltag, Äusländer, Lange Strafen, Vergewaltigung, Medizinische Versorgung, Zensur und Entlassung. Diese Schilderungen werden kontrastiert mit interessanten Zitaten sowie poetischen Texten von Gefangenen. Im Anhang der Publikation finden sich Erläuterungen zu den im Buch erwähnten knastspezifischen Sachverhalten. Bestellung
Interessiert? Wir haben einige Auszüge aus dem Buch für Sie zusammengestellt.

Hinweis auf andere Bücher
In diesem Zusammenhang möchten wir es nicht versäumen, auf einige Veröffenlichungen der Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Uni Münster hinzuweisen, mit der wir eng zusammenarbeiten (u.a. auch bei dem oben beschriebenen Buch "Mit der Flaschenpost gegen einen Ozean. Briefe aus dem Knast").
Die Dokumentationsstelle ist - neben anderen Institutionen - Trägerin des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene, durch den bisher fünf Publikationen hervorgegangen sind. In diesen Büchern sind die Texte der jeweiligen Preisträgerinnen und Preisträger veröffentlicht. Die Dokumentationsstelle gibt außerdem auch pädagogische Materialien zum Knast heraus. Eine Liste der Veröffentlichungen finden Sie hier.