Bücher

Die Schwere der Schuld Ein Gefängnisdirektor erzählt

von Thomas Galli

Wie soll man mit einem Verbrecher umgehen, der das Gefängnis nicht als Strafe empfindet, der unentwegt Personal beleidigt und bedroht und nicht einmal davor zurückschreckt, sich selbst zu verletzen? Wie kann man einen Häftling schützen, der die gefängnisinterne Russenmafia verärgert hat?
Und wie verhält man sich, wenn ein Anstaltspsychiater selbst verrückt spielt?

Gefängnisleiter und Psychologe Thomas Galli schildert in neun spannenden Geschichten das Leben hinter Gittern und zeigt zugleich bürokratische Fallstricke und Unzulänglichkeiten der Institution Gefängnis auf.

 

Dr. Thomas Galli: Wie sieht es aus, in deutschen Knästen?

Veröffentlicht am 26.08.2016
Veranstaltungsmitschnitt aus der „Sommertour durch den einzigen „roten Wahlkreis“ in Sachsen - von Juliane Nagel"

 

 

Das Knastdilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift

Bernd Maelicke, Das Knastdilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift. Verlag C. Bertelsmann 2015, 256 Seiten, 19,99 Euro. Als E-Book: 15,99 Euro. (Foto: Verlag)

Rezensionen:

von Johannes Feest

von Sebastian Scheerer

von Volkmar Schöneburg

von Martin Hagenmaier

Momente im Frauenknast – Einblicke in eine verborgene Welt

von Sabine Bomeier

Das Buch gibt Einblicke eine Welt, die den meisten Menschen im Allgemeinen nicht zugänglich ist, in die Welt hinter Gittern, in der ich selbst fünf Jahre lang als Gefangene gelebt habe. Beschrieben wird der Alltag im Knast, basierend vorwiegend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen, die ich während der Haft gemacht habe. Dabei geht es nicht um die begangenen Taten, sondern um das Leben in einer Strafvollzugsanstalt. Geschildert werden alltägliche Begebenheiten in einem kleinen Frauenknast, wie zum Beispiel ein Tag im Werkbetrieb oder die als demütigend empfundenen regelmäßigen Filzen der Zellen bis zum regelmäßigen Einkauf im Knastladen. Was draußen so einfach ist, muss im Gefängnis immer wieder neu organisiert werden, dabei ist das Leben hinter Gittern so vielschichtig wie das vor den Gittern. Die einen versuchen an Drogen heranzukommen, die anderen wollen sich eine Perspektive nach der Haft aufbauen und tragen schwer an ihrer Schuld. So verschieden sie auch sind, das Verhältnis der Frauen untereinander ist oft von Wärme und  gegenseitigem Verständnis getragen, auch wenn der Umgangston oft rau ist. Allen gemeinsam ist eine schwierige Vergangenheit. Ich, die Autorin, Sabine Bomeier, Jahrgang 1957, lebe in Bremen und arbeite unter anderem als freie Journalistin. Ich habe während meiner Haft begonnen zu schreiben und danach eine Ausbildung zur Redakteurin gemacht. Ich  würde mich freuen, wenn ich Sie neugierig gemacht habe und stehe gerne für weitere Informationen zu Ihrer Verfügung.

Weitere Informationen unter:

blattcontor.apps-1and1.net/buecher/meine-buecher


Gemeinsam einsam

Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene
Gemeinsam einsam

Literatur aus dem deutschen Strafvollzug

Schirmherr Peter Zingler

agenda Verlag Münster 2015
SBN 978-3-89688-537-1

Niergends findet man das Innenleben der Gefangenen und die Wirklichkeit der Gefängnisse so authentisch und intensiv dargestellt wie in ihren eigenen literarischen und dokumentarischen Texten.Die Texte dieser Anthologie sind ausgezeichnet worden mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2014/15.Das Motto der Ausschreibung "Gemeinsam einsam" hat die Autoren und Autorinnen zu sehr persönlichen Texten inspiriert, die oft genug auch die Frage nach dem Sinn einer Strafe enthalten, die so fundamental das Ziel der Besserung und Hilfe zur sozialen Wiedereingliederung in die Gesellschaft verfehlt.


Knast


Von Gefängnisarzt Joe Bausch.
Buchtipp von Till Briegleb ("Süddeutschen Zeitung" 13.03.2012)

Mehr als fünfzig Suizide, Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung: Der Gefängnisarzt und "Tatort"-Pathologe Joe Bausch blickt kritisch zurück auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern. Und beschreibt, wie die RAF das Dogma "Bete und büße" verändert hat.

Es ist noch nicht so lange her, da galt seriöse medizinische Versorgung für Schwerverbrecher im Strafvollzug als Hohn. Warum soll man denn Kindermördern, Vergewaltigern, Totschlägern und besonders Lebenslänglichen ihre Strafe noch durch Schmerzfreiheit und teure Medikamente versüßen?

Das war die weit verbreitete Haltung zumindest bis in die achtziger Jahre. Als Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff im Jahr 1987 in der Justizvollzugsanstalt Werl als Gefängnisarzt begann, da bewiesen die absolut mangelhafte Ausstattung seiner Anstaltspraxis sowie die fehlenden Therapieangebote für seine Patienten klar, dass der staatlichen Fürsorge immer noch ein antiquiertes Schuldverständnis aus der Zeit der Zuchthäuser zugrunde lag. "Bete und büße", der Spruch, der über der Gefängniskirche der 1906 erbauten Anstalt in Westfalen prangen könnte, prägte auch im demokratischen Staat noch jahrzehntelang die Haltung der Gesellschaft zu ihren Straftätern.

Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff — durch seine Nebentätigkeit als Pathologe Dr. Joseph Roth im Kölner "Tatort" und als regelmäßiger Talkshowexperte besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joe Bausch — hat in seinem Hauptberuf eine wesentliche Verbesserung der medizinischen wie der allgemeinen Haftbedingungen erlebt. Verantwortlich für den Wandel waren laut Joe Bausch vor allem zwei Gruppen: seine Generation der Gefängnisärzte und die RAF.

Abschaffung von Gemeinschaftszellen, breites Therapieangebot Jüngere Mediziner — so Bausch in seinem jetzt erscheinenden Buch, einem detaillierten Rückblick auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern mit dem Titel "Knast" — hätten die autoritäre Disziplinareinstellung der Nachkriegsärzte völlig neu justiert. Und die Mitglieder der Roten Armee Fraktion mit ihren Hungerstreiks für bessere Haftbedingungen stießen eine überfällige Diskussion an, die im Resultat allen Gefängnisinsassen zugutegekommen sei. Doch das, so Bausch in seinem kritischen Resümee zu den Bemühungen um einen modernen Vollzug, sei noch lange nicht genug.

Denn die Anamnese, die Bausch aus seiner intimen Kenntnis des Knast-Alltags gewinnt, ergibt doch mehr eine Leidensgeschichte als eine erfreuliche Diagnose. Über fünfzig Selbstmorde während seiner Amtszeit stehen ebenso auf dem Krankenblatt des Strafvollzugs wie Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung, sowie ein überproportional hoher Anteil an schweren psychischen Leiden, die nicht adäquat behandelt werden.

Als Arzt mit Schweigepflicht kann Bausch natürlich in die Chemie der Gefangenenseele mehr Einblicke gewinnen, als es einem normalen Schließer möglich ist, dem sich kein Gefangener anvertraut. Dadurch sind seine Beschreibungen des weggeschlossenen Lebens von einer besonderen Empathie geleitet, und seine kritischen Anmerkungen bekommen ein besonderes Gewicht.

Die Liste der praktischen Forderungen, die Joe Bausch aus seinen Erfahrungen ableitet, ist dann auch entsprechend fundiert und lang. Mehr und besser bezahltes Personal, darunter verstärkt Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen in den gängigsten Knastsprachen, seien ebenso dringend geboten wie die Abschaffung von Gemeinschaftszellen und ein breites Angebot an gezielten Therapieangeboten. Schließlich litten mehr als fünfzig Prozent der Schwerverbrecher an massiven Persönlichkeitsstörungen (im Verhältnis zu fünf Prozent in der Gesamtbevölkerung), und eine mögliche Rückkehr in die Gesellschaft sei ohne psychologische Kur kaum gefahrlos möglich. Aber auch die fehlenden Supervisionen für das Vollzugspersonal oder eine unangemessene Sterbebegleitung für Lebenslängliche und Sicherheitsverwahrte konstatiert Bausch in seinem Buch als einen schweren Mangel des deutschen Knastwesens.

Würde sich Bauschs Gefängnisanalyse auf dieses politische Vernunftprogramm beschränken, könnte das Buch kurz sein. Aber sein Anspruch ist es, diese maligne Gesellschaftszelle möglichst vollkommen transparent zu machen. Ohne seine Patienten namentlich zu nennen, erzählt Bausch in Fakten und Anekdoten vom typischen Knastgeruch wie vom Phänomen "knastschwul". Nüchterne und würdige Betrachtung von Kriminalität.

Er erklärt, warum Manager und Junkies sich in Untersuchungshaft ähnlich verhalten. Er beschreibt exemplarisch erschütternde Fälle wie die Geschichte eines ehemaligen Kindersoldaten oder einer Kindsmörderin, die von der Schwangerschaft überfordert so viel fraß, dass niemand Verdacht schöpfen konnte, und das Neugeborene dann sterben ließ. Er entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Hirnveränderungen und Kriminalität, Fragen nach dem Wesen des Bösen und dem extremen Unverhältnis von Männern zu Frauen bei den verurteilten Tätern (70.000 zu 5000) widmet Bausch ebenso Kapitel wie schnurrigen Porträts von Ausbrecherkönigen.

Dass "Knast" stellenweise ein wenig eitel gerät, wenn Joe Bausch über sich selbst als Arzt und Künstler spricht, kratzt nur unwesentlich am Verdienst dieses Buches. Als Mediziner in einem Gefängnis, das vorwiegend Langzeitinsassen und Sicherheitsverwahrte beherbergt, gelingt dem Autor eine im Kern nüchterne und würdige Betrachtung von Kriminalität, die der alten Haltung von Rache und Sühne eine komplexere Sicht entgegensetzt.

Verständnis für die komplizierte Ursachenlage von Gewaltverbrechen und ein klares Bekenntnis zur Würde des Menschen erklärt Bausch zu den fundamentalen Voraussetzung, um brauchbare Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was diesen Teil der Gesellschaft dazu bewegt, böse, grausam oder ungerecht zu handeln. Und mit dieser Perspektive ist "Knast" dann doch vor allem ein Buch über die Fehler jener, die nicht drinnen sitzen. Denn interessanter als ein Verbrechen ist letztlich die Frage, warum man es nicht verhindern konnte.